Leseproben:
Nach kurzer Regenzeit
Mehrfach übermalt I / II
Graffiti

Mehrfach übermalt I / II

Mehrfach übermalt I

I

Vor Dreikönig bei Nacht das Orakel befragen
Die Windmaschine einschalteten
Im Winter die Stadt ein Palast
Auf Sumpf und Knochen die Reklame
Plakate Bisiness & Co auf dem Newski Prospekt
Weihnachtsbäume
Mit Bändern weiß auf rot umwickelt
Der Stern und das Kreuz.
Coca Cola vor grauem Grund gesprüht
Das Zeichen Dollar als Agitpop

Aber was wird sein nach Frost und Schmelze?
Der Betteljunge vor dem Hotel kämpft
Gegen den pelzigen Schatten
Gegen die Fußtritte und Tränen
Aus dem Schädelbecher will niemand mehr trinken
Bedeckt mit Schnee unter den Pferdehufen
Der Schlangenkopf

II

Aufgehört zu warten habe er
Sagt der Mann, sich die Augen verletzt
Um alle Blinden der Welt
wiederzusehen in der Arsenalstrasse
Neun

Dort lacht niemand. Niemand weint
Stumpf löffelt er die Suppe aus
Folgsam dem kranken Gesetz
Offiziell ein glücklicher Mensch
Der Idiot sein Roman.

III

'Wir fassen festen Fuß am Meer'
Doch starke Winde aus dem Baltikum
Verwehen die Verse Puschkins

Wie Gänse rotfüßig erklimmen
Wir in warme Mäntel eingehüllt
Die gefrorenen Wellenkämme
Uns treibt kein Spott
Aufs Eis.

Ein paar Schritte vor und zurück
Rutschen wir über die Newa
Den Schornsteinen und Kirchtürmen entgegen
Stigmatisierte Denkmäler
In der Erlöserkirche frisch gemalt
Der Blutfleck des Königs.

(St. Petersburg 1997 )



Mehrfach übermalt II

I

An der Quaimauer über dem Kanal entlang
Den Granitquadern führt uns der Eisvogel

Vorbei an der Mojka zum Heumarkt ins Atelier
In die Swenigorodskaje. Im Treppenhaus
Geruch nach Urin, Exkrementen und Terpentin
Das Klischee zu verwischen
Ein schwarzer Flügel als Tisch
Für die Gäste Zuckerkuchen

Regenwasser tropft in die Schüssel auf dem Schrank
Von der Decke gesammelt im Samowar
Unter dem Torbogen
'Begegnung Elisabeth mit der schwangeren Maria'
Auf der Staffelei ein Lichtstrahl
Mit dem der Maler aus Lösungen ein Rätsel macht
Vor allem aber liebt er alles
Was glänzt
So muss auch Klimt schon hier gewesen sein.

II

Wenn die Tage des nachts ohne Dunkel
Die Schatten in Sonne getaucht
Und die Zarenschlösser
Vom sommerlichen Tanz erzählen
Von Pracht und Unterdrückung
Kehren wir zurück auf die Insel
Wassili

Die alten Schriften alle verbrannt
Im Schnee stecken geblieben die Löschwagen
Und kein Feuer vom Wasser zerstört
Die Stromkabel hängen
An den Tapeten herunter
Der Pilzschwamm frisst sich durch
Der Rest der Papiere verrottet
Im Regen.

III

Breitbeinig auf dem Holzschemel sitzt
Vor dem Friedhof nicht Baba Jaga
Es ist die Frau mit der lila Jacke
Und dem Kopftuch, neben ihr der Sohn
Auf dem Schoß das Birkengrün zum Verkauf
Der Flieder für die Gräber, neue Schuhe
Braucht das Kind. Die Heiligen dürfen
Nicht zuviel bemüht werden

Bei Weihrauch und Chorgesang
Stundenlanges Stehen in der Kirche
Die Rede unverständlich
Das Orakel zu befragen
Komme vom Teufel
Alles Unglück

Vom Zerstören der Ikonen
Vom Verfall der Gotteshäuser
Erhalten ist Lenin in Gips
Und der Metropolit Pjotr
Gefärbt von Kerzenruß und Zeit
Mehrfach übermalt.

IV

Darunter die Heilige Xenia. Zum Schutz
Um ihre Schultern gelegt den Mantel
'Trennung ist nur eine Täuschung
Mein Schatten auf deinen Mauern, mein Bild'
Der Klagenden Muse antwortet sie:

Dein Kleid in Indigo, wir werden es nicht
Vergessen. Dich. - Der Tod. Ein Nonsense
Aber das Leben berät sich mit ihm.

( St. Petersburg 1997 )