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Die
literarische Krankengeschichte als Zeitgeschichte der Moderne.
Die mehrjährige Beschäftigung mit dem Fragenkomplex
natur- und geisteswissenschaftlicher Zusammenhänge liegt
das Buch „Krankheit und Medizin im literarischen Text“
(Eine Untersuchung zum Spätwerk Wilhelm Raabes. 1989) zugrunde.
Studien in Biologie, Geschichte und Sprachwissenschaften sowie
die Auseinandersetzung mit psychotherapeutischen Konzepten,
wie sie u.a. an der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie
e.V. in München gelehrt werden, bildeten die wissenschaftliche
Grundlage.
Während dieser Studien ging es um Standortbeziehungen und
Grenzerfahrungen hinsichtlich der beschreibenden und bewertenden
Begriffe "Gesundheit und Krankheit". Da die Wirklichkeit
von "gesund" und "krank" ein vielschichtiges
Gewebe darstellt, in dem psychische, somatische und soziale
Dimensionen menschlicher Existenz miteinander verknüpft
sind, macht erst die Erkenntnis ihrer Zusammenhänge ein
Verstehen möglich; wobei gesellschaftliche Normen und die
anthropologische Grundkonstante der menschlichen Natur mit einzubeziehen
sind.
Etymologisch bedeutet Gesundheit ‚kraftvolle Bewegtheit',
d.h. physische, psychische und geistige Beweglichkeit, und von
daher implizieren Gesundheit und Krankheit prozessuale Übergänge,
Gradunterschiede und Arten des Daseins, die immer neu gestaltend-verändernd
den menschlichen Lebenslauf durchziehen.
Um verstehende Akzeptanz menschlicher Lebensgeschichten und
um die kritische Auseinandersetzung mit diesen geht es auch
der Literatur. Dabei beeindruckt an dem Erzähler Wilhelm
Raabe beispielhaft dessen eigentümliche Art des Verstehens,
bei aller bewusst beibehaltenen Distanz des Sichhineinversetzens
in andere Personen. Sie ist durchaus mit dem zu vergleichen,
was in der heutigen Psychiatrie als Empathie bezeichnet wird.
Darüber hinaus zeigt sich in seinem polyperspektivischen
Erzählstil, der u.a. eine sich verstärkende Verinnerlichung
der Sehweise beinhaltet, eine Nähe zur literarischen Moderne.
Da nun eine der wesentlichsten Anliegen der literarischen
Moderne die Kritik an der fortschreitenden Verselbstständigung
der Entwicklung in Wissenschaft und Technik ist - ohne Eingliederung
in eine ethische Ordnung - ist in diesem Zusammenhang auch
schon im Werk Raabes Krankheit als Metapher für diese
Verhältnisse anzusehen.
Sehen wir die literarische Krankengeschichte als Zeitgeschichte,
finden wir in Raabes Auseinandersetzung mit der Gründerzeitmentalität
des Wilhelminischen Reiches die Thematisierung eines spezifischen
Existenzkampfes, vor allem in seinem Spätwerk "
Der Lar" (1889). Dabei knüpft der Autor einerseits
an Darwins Erkenntnis der "sozialen" Instinkte bei
Mensch und Tier an, wendet sich jedoch andererseits gegen
die antihumanen Ausprägungen des Sozialdarwinismus mit
seiner Ideologie der Gesundheit, der Stärke und der Absolutsetzung
von Erfolg.
Die zunehmenden Polarisierungen zwischen individuellen und
gesellschaftlichen Verhältnissen werden ebenso vorgeführt
wie das Prinzip der Beherrschung der Natur - der menschlichen
eingeschlossen - abgelehnt wird.
Die Fragwürdigkeit sich verwissenschaftlichender Medizin,
die ihre Normen einseitig nach einer quasi naturwissenschaftlichen
Objektivität ausrichtet, findet ihre literarische Entsprechung
und Quintessenz in der Geschichte des psychisch erkrankten
Psychiaters Feierabend in Raabes Fragment "Altershausen"
(1899/1910). In dem posthum veröffentlichten Roman trägt
der aufklärerische Impuls zur erweiterten Bewusstwerdung
bei, psychische Leiden nicht als krankhafte Abweichung von
der gesunden Norm zu verstehen, sondern als Ausdruck kritischer
Sensibilität gegenüber gesellschaftlichen Mängeln
und Problemen. Ebenso geht es aber auch im anderen Extrem
um die Absage an ein Psychologieverständnis, das wie
die exakten Wissenschaften weder "Schicksal" oder
"Vorsehung" kennt und dem deshalb das Tragische
als krankhafter Fall erscheinen muss. Zwischen diesen beiden
Polen liegt das erzählerische Ethos des Autors - dargelegt
durch Sympathielenkung und Distanzierung mit Hilfe ironischer
und symbolischer Stilmittel.
Wenn man der Literatur die Macht zuspricht, nicht nur Realität
kritisch zu umgrenzen, sondern auch durch Selbstvorstellungen,
Erwartungen und Handlungen Wirklichkeiten mittelbar und eindeutig
zu prägen, dann möchte man dem Werk Wilhelm Raabes
wieder mehr Leser wünschen. Für seine die Fachgrenzen
übergreifende Leistung steht nicht zuletzt am Ende seines
Lebens die Verleihung der Ehrendoktorwürde der Medizinischen
Fakultät Berlin.
Besonders das Spätwerk Wilhelm Raabes bezeugt, dass Dichter
und Schriftsteller mit ihrem anthropologisch-psychologischen
Wissen oft im Widerspruch zu ihrer Zeit stehen, d.h. dem Wissen
ihrer Zeit voraus sind, oder anders gesagt, dass gute Dichtung
einfach zeitlos ist.
Rosemarie Henzler (Zens), Krankheit
und Medizin im erzählten Text.
Eine Untersuchung zu Wilhelm Raabes Spätwerk. Würzburg
1989
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