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Das
Rätsel annehmen.
Gesundheit und Krankheit - Die
Suche nach einem Sinn in all dem Chaos
Die daseinsanalytischen Psychotherapie wurde Anfang der 70er
Jahre von dem Züricher Psychiater Medard Boss ( 1903 -
1990 ) begründet in Anlehnung an die Phänomenologie
Martin Heideggers. Als Auslegekunst von Lebensgeschichten geht
es ihrer existentiellen Sichtweise um ein daseinsgerechtes Bedenken
menschlichen Krank- und Gesundseins. Diesseits der Begriffe
von gesund und krank zielt sie, philosophische und medizinische
Anthropologie sowie phänomenologische Betrachtungsweisen
verbindend, nicht auf Krankheitssymptome, sondern auf Daseinsstrukturen
und -verläufe. Und nicht auf die Frage: Was ist krank?,
sondern: In welcher Weise oder Wie macht was krank? und: Wie
frei und offen sind die Verhaltensweisen und die authentischen
Gefühle des einzelnen Menschen dazu?
Es geht also um die ontologischen Grundstrukturen des Daseins,
d.h. um jene Möglichkeiten, die jedem Menschen, ob gesund
oder krank, zur Verfügung stehen. Grundlegend wird die
ursprünglichste Situation des Menschen gesehen als Bedürftigkeit
und Angewiesensein auf Sinn. Denn der Mensch als ein auf Verstehen
angelegtes Wesen kann gar nicht umhin, die geschichtlichen Erfahrungen
in Sinn zu verwandeln, "gleichsam hermeneutisch zu verkraften,
um leben zu können" (Gadamer).
Somit ist Welterfahrung immer an Weltdeutung und Existenzerhellung
gebunden. Die Last und zugleich das Auszeichnende des menschlichen
Daseins dabei ist, dass der Mensch als endliches Wesen weltoffen
ist, zugleich "schuldig" und ungesichert, dass er aber auch offen
zu seinem Sein und Existenzvollzug einen Zugang hat. Ausgesetzt
in der Welt, deren Sinn letztlich immer in Frage steht, muss
er sein "endliches" Dasein, austragen und kann dennoch
nach dem Sein, nach dem Sinn des Seins fragen. In dieser paradoxen
Grundsituation des Menschen liegt die Antwort auf die Frage,
warum der Mensch nicht in seinem Sein beglückt ruhen kann.
Bei der daseinsanalytischen Betrachtungsweise rückt nicht
eine Weltanschauung oder philosophische Richtung in den Mittelpunkt,
vielmehr geht es um eine "Grundhaltung", die in Bezug
zu unserer Krankheitsanfälligkeit das Wissen um unsere
Zugehörigkeit zu einem naturhaft eigengesetzlichen Geschehen
umschließt. Trotz medizinischer, psychologischer oder
psychotherapeutischer Mittel haben wir über dieses Geschehen,
das sich jederzeit versagen und unser Leben beenden kann, keine
Macht. So wird hier jenem Krankheitsverständnis entgegen
gesprochen, das ausgehend von den exakten Wissenschaften keinen
Begriff von schicksalhaften Vorgängen hat und dem deshalb
das Tragische vor allem als krankhafter Fall erscheinen muss.
Zudem ist ein umfassenderes Menschenbild gefragt in Abgrenzung
zu einer Betrachtungsweise, bei der Überinterpretieren,
Übersymbolisieren, Psychologisieren, Moralisieren, Pathologisieren,
Psychiatrisierung, ein "victimizing" jeglichen Krankheitsgeschehens
in den Vordergrund gestellt wird. Vom phänomenologischen
Ansatz her wird der Mensch eher in seiner Ganzheit gesehen,
d.h. in seiner Möglichkeit, frei und offen zu werden
für alles ihm Begegnende: vor allem in seinem Vollzug
der Existentialien, aus denen heraus er lebt - in seiner Geschichtlichkeit,
seinem Frei- und Offensein, dem Räumlich-, Zeitlich-,
Geschlechtlich-, Leiblich-, Sterblich-, Gestimmt- und Miteinandersein
in einer gemeinsamen Welt.
Im Existieren, "Ausstehen" oder Vollzug des Daseins
kann der Mensch in Verengungen, Begrenzungen, Einschränkungen
leben, so dass er nicht alle Möglichkeiten leben kann,
und zwar in einem Maße, dass er leidet. Er kann dann
erkranken und zwar als Ganzes. Seine Krankheits- und Leidenserfahrungen
- seien sie vordergründig neurotische, depressive Verstimmungen
und/oder psychosomatische Erkrankungen - sind dann zumeist
an einem bestimmten lebensgeschichtlichen Wendepunkt in Zusammenhang
mit einer erlebten Unmöglichkeit zu offener schöpferischer
Selbstfindung und Selbstbestimmung zu sehen.
Eine einseitige naturwissenschaftliche Sichtweise kann die
spezifisch menschliche Eigenart unseres Leibseins aus dem
Blickfeld verlieren, wenn sie die unmittelbare Zugehörigkeit
unseres Existierens nicht beachtet, und zwar die Zugehörigkeit
zum Wesenszug des vernehmenden und antwortenden Bezogenseins
auf das uns Begegnende. Boss spricht von einem gewaltigen
und nur nach langer Übung vollziehbaren "Denksprung",
der uns wegführt von den bisherigen wissenschaftlichen
Vorstellungen auf den faktisch sich den Sinnen darbietenden,
d.h. sich von den Phänomenen selbst her zeigenden Boden.
Diese Betrachtungsweise, die von der geistigen Anschauung
des Wesens der Gegenstände oder der Sachverhalte ausgeht
und die geistig-intuitive Wesensschau vertritt, kurz: "das
Rätsel des Lebens anerkennt, ohne in Irrationales auszuweichen"
(Spaemann), führt zu der Frage, ob Krankheiten eine Erkenntnisfunktion
haben. Können sie eine wichtige Voraussetzung bei Sinnfindungsprozessen
sein? In Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" heißt
es: "Der Mensch ist nicht eher glücklich als bis
sein unbedingtes Streben sich selbst eine Begrenzung bestimmt."
Gibt es menschliche Freiheit und Offenheit zu Entwicklung,
Wachstum, Reife, Entfaltung, Gestaltung, Sinnfindung und Glück
oft nur im Zusammenhang mit Grenzerfahrungen, Störungen,
Krisen oder Krankheiten?
Jedenfalls können wir folgende Erfahrung nachvollziehen:
indem uns Krankheiten an unsere Gebrechlichkeit und Sterblichkeit
erinnern, werden wir zu Bewusstheit unserer selbst hingeführt.
Und zwar in dem Sinne, dass wir sagen können, die Struktur
und Ordnung oder Unordnung unseres Lebens hat in sich selbst
ihre lebendige Bedeutung.
Und indem uns Krankheiten an die zwischenmenschlichen Beziehungen
erinnern - was z.B. für unsere Heilung u.a. auch das
Angewiesensein auf den anderen betrifft - werden wir hellhörig
für unser Gewissen. Jenes Gewissen, das im Rufcharakter
auch diejenige existentielle Schuld anspricht, die im Rahmen
wiedererstarkender Lebenskräfte in uns das Bewusstsein
für unsere Begabungen und Talente wach werden lässt.
Denn Gesundwerden und Sinnfindung ereignen sich, indem der
je nach eigenem Dafürhalten angemessene Platz in der
Gesellschaft gefunden wird. Zwar geht dies zumeist nicht ohne
Enttäuschung, schmerzliches Sichlösen, Versagen
oder freiwilligen Verzicht - dieser um so mühsamer gerade
dort, wo wenig anderes kennen gelernt wurde - vonstatten.
Doch es kann auch bedeuten, konstruktiv an einer Gesellschaft
mitzugestalten, für die es sich dann auch lohnt zu leben.
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Krankheit
und Gesundheit daseinsanalytisch in Bezug gesetzt werden zu
den Existentialien, im Anerkennen der Grenzen menschlichen
Daseins und im Grad an Offenheit, die Möglichkeiten des
Menschen auszuschöpfen. Ein Weg - gekennzeichnet durch
Freiheit und Verantwortung oder deren Verlust. Wobei es bei
letzterem sich um selbst auferlegte Grenzen oder Eigenmandatierungen
handeln kann - um verstellte Realitäts- und Wirklichkeitssicht,
lebensgeschichtlich ein- und festgefahren.
Woher nimmt nun der kranke Mensch die Kraft für eine
Neuorientierung, Sinnesänderung und Sinnfindung? Die
Möglichkeit eine vorübergehende therapeutische Hilfe
in Anspruch zu nehmen, ist heute kein Tabu mehr. Abgesehen
von den unterschiedlichen Therapieschulen kommt es vor allem
auf die Haltung des Therapeuten an, die umschrieben werden
kann als eine wohlwollende, korrigierende, gewährende,
Mut machende und "zuvorkommende Zurückhaltung",
als eine Art begleitende Unterstützung. So sind psychotherapeutische
Gespräche mit Hilfe der Übertragungs- und Gegenübertragungstechniken
ein Angebot, bei dem das persönliche Selbst- und Seinsverständnis
in den Mittelpunkt rückt. Gerade dann, wenn der jeweilige
Leidensdruck in Zeiten von Wachstums- und Reifekrisen so groß
ist, dass Hemmungen, Angst, Schuld, Leere, Ekel, Ärger,
Wut, Aggression gegen andere und sich selbst nicht mehr offen
im Alltagsleben erfahren werden oder als negative Gefühle
den Menschen überschwemmen. Rückzug, Einsamkeit,
Niedergedrückt- und Niedergeschlagensein, Verzweiflung
und Schmerz können zu verengenden Erfahrungs- und Verhaltensweisen
beitragen, gleichsam einem Lebensmuster entsprechend, das
dem inneren Anspruch folgt, eine alte "Schuld" eintreiben zu
sollen. Es ist wie das fortdauernde Festhalten an nur einer
Seite der paradoxen Wahrheit des Lebens.
Um die für den einzelnen unangemessene Selbst- und Fremdbestimmung
zu überwinden, erscheint es wichtig, im Nacherleben und
Gespräch nochmals zu schauen, wo die eigenen Kräfte
gegenüber den "Zumutungen" des Lebens gelähmt
oder nicht geübt wurden. Dabei bringt die Erinnerung
an sich selbst meist einen Aufbruch ursprunghafter Schaukraft
mit sich. Dies kann der erste Schritt sein, den Kampf, das
Wagnis und den Weg auf sich zu nehmen, gleichsam als ein Überschreiten
von Festhaltenwollen von Begierde, Neid, Hass, Getriebensein
und Sucht zu anderen Bewegungen der Seele hin zu Staunen,
Erschauern, Hingabe, Sehnsucht und Heiterkeit. Aus einer Verstimmung
kann eine neu empfundene dynamische Stimmigkeit hervorgehen,
die sich immer wieder in einem neuen Entwicklungsprozess vollzieht.
Die biografische Vergangenheit steht zunächst nicht im
Vordergrund, sondern die gegenwärtige Bewältigung
von Krisensituationen. Wenn es sich dann doch als notwendig
erweist, in die Vergangenheit zu schauen, ergibt sich oft
die Einsicht, dass Verhaltens- und Einstellungsweisen in zurückliegenden
Situationen durchaus sinnvoll waren und dass an eben denselben
festzuhalten im jetzigen Leben Schwierigkeiten bringt. Doch
um den Wesenszusammenhang einer erworbenen Lebensgeschichte
geht es vor allem, d.h. um den biografischen Stellenwert einer
möglichen Erkrankung, wobei Verständnis und Annahme
dafür gesucht werden, dass das Ungeschichtliche (z.B.
neurotische Mechanismen) als ein geschichtlich gewordenes
Ereignis im Leben eines Menschen integriert, gewürdigt
und überwunden werden kann. Während all dieser mit
Angst begleiteten Veränderungen gilt es gleichermaßen
und auch als Bewusstwerdungshilfe, die Aufmerksamkeit auf
die Befindlichkeit, auf die Sensibilität für eigene
Körperzustände zu lenken. Nur so können störende
Entwicklungen in Zukunft rechtzeitig wahrgenommen und verhütet
werden. Dies meint die Einbeziehung der Leiblichkeit in den
Prozess der gelebten und erlebten Erfahrung einer veränderten
Selbstdarstellung innerhalb eines neu verstandenen und neu
in Entsprechung zu setzenden, d.h. selbstverantworteten Lebensweltbezuges.
Rosemarie Henzler (Zens), SZ, 15.5.1990
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