Dichtung und die Wissenschaften
Das geeichte Alphabet -- Chiffre Für einen Moment
--------------------------------------------
Nach sechzig Jahren
--------------------------------------------
Natur und Sprache
--------------------------------------------
Wort und Musik
Die Schöne das Fortgehen Der Ort
--------------------------------------------
Tonbilder - Siliziumherz
--------------------------------------------
Malerei
Tanzbilder
--------------------------------------------
Traum
Traumarbeit
--------------------------------------------

Wissenschaft in Theorie und Praxis
Medizin
--------------------------------------------
Psychotherapie
--------------------------------------------
Literatur
--------------------------------------------
Psychologie
--------------------------------------------
Tonbilder - Siliziumherz

Meine Treuen! Vertragt Euch!
(Samuel Beckett, Worte und Musik)

Der Dialog zwischen Sprache und Musik in „Siliziumherz“ hat ein neues Genre hervorgebracht. Nicht den gesprochenen Popsong. Nicht das musikalisch unterlegte Sprachlautexperiment. Vielmehr erhellt hier in eigenständigen Tonbildern die Stimme im gesprochenen Wort als Platzhalter beider Gattungen, Sprache und Musik, sowie das Wechselverhältnis von Inhalt und Form in den poetischen Texten und übersetzt dieses gemeinsam mit der Musik.

Zwischen Stimme und Musik – beide sind Klang-, Rhythmus- und Melodieträger - ergeben sich durch Berührung und Abstoßung überraschende neue Gebilde. Trotz der im letzten Vorgang der CD-Produktion vorgenommenen elektronischen Bearbeitung und Verzahnung beider Elemente bleibt das Ursprüngliche, das gesprochene Wort und die gespielte Musik als Fundament erhalten.

Durch Spiegelung und Verdoppelung in den Kompositionen erhalten die Texte eine zusätzliche Erzählstruktur. Sie werden manchmal zu kleinen Hörspielen und Geschichtsdramen (Karthago, Mehrfach übermalt), zu Momenten elegischer Zustandsbeschreibungen (Museum Erde. Magazin). Wortkaskaden der Klage, Reklamation, Deklaration ( Siliziumherz, Katze. Kupiert, Der verbannte Fuchs) wechseln ab mit leisen Tönen, mit Sprechen im Chor wie ein rituelles Beschwören und Einstimmen in Widerspruch oder Staunen (Graffiti, Im Orchestergraben, Die Indianerfrau).

Die Zeilenbrüche in den Gedichten und den verknappten Prosasätzen, die sich in der Drehung durch sich verändernde inhaltliche Zeit- und Raumumstände wie ein Möbius’sches Wortband ziehen und damit im Perspektiven- und Bedeutungswechsel Subjekt und Objekt changieren lassen, finden ihre Entsprechung in den musikalischen Improvisationen.

In den Tonbildern erscheinen spukartige Echos wie das Flüstern von Unterbewusstem, oder wie hörbare Selbstgespräche, die auftauchen und wieder verschwinden (Graffiti). Oder das Stottern gerät zur akustischen Folter durch ein Stolpern von gesprochenen Konsonanten und der im Hallraum entschwundenen inhaltslos gewordenen Wörter (Der halbe Flügel). Akustische Blitzlichter wiederum können die Suche nach der Überwindung des Unsagbaren beleuchten und im annehmenden Zurückgleiten ein erneutes Fragen wahrnehmen lassen (Orakel).
Wenn mehrere Stimmen und Klangfolgen sich überlappen, treten leitmotivische Themen hervor, zum Beispiel über die Schönheit der Natur und deren Vergänglichkeit (Prélude. Après) oder über den Widerstreit zwischen innerer Zerrissenheit und Glücksmomenten (Pan ist nicht tot).

So bringt das Spiel mit Widersprüchlichem und Unbekanntem, das der Zeit anhaftet, überraschende Wendungen hervor zwischen Aufbegehren und Beruhigung durch Musik und Stimme, die den Malstrom der reißenden Zeit zu besänftigen scheinen.

Im gemeinsam gestaltgebenden Rhythmus werden Worte zu Klängen und Töne zu Worten. Beide Bewegungen sind auf Metaphern angewiesen. So sprechen wir bei dieser CD-Produktion von Tonbildern in Musik und Poesie. Nicht als Abbilder, vielmehr als Spiegelungen von Eindrücken über das Finden und Erfinden von zu Geschichten gewordenen und werdenden Natur- und Weltzusammenhängen.

Und während Wort und Musik ihr Eigenrecht behaupten und die poetische Sprache sich zu sich selbst musikalisch verhält, kann die Stimme als deren beider Platzhalter die gegenseitige Inspiration von Musik und Sprache in großem Variationsreichtum zeigen.

Rosemarie Zens CD Siliziumherz. Poesie und Perkussion, Berlin 2004