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Arbeit
am literarischen Text - Traumarbeit?
Von vielschichtiger Natur waren die Erwartungen an das Interdisziplinäre
Symposion der Traumwerkstatt München e.V. am 30./31.10.98:
Allnächtliche Poeten. Der Traum aus der Sicht von Literatur
und Psychoanalyse. Als Literaturwissenschaftlerin, Psychotherapeutin,
Autorin und Träumerin interessierten mich vor allem Fragen
nach der ästhetischen Wahrnehmung, der künstlerischen
Produktion und dem dichterischen Handwerk.
Ein allgemein geschätzter Lektor berichtete, wie er nach
der Durchsicht eines Manuskriptes einige Zeilen unterstrichen
und mit der Bemerkung versehen habe, die Anregungen, um die
er gebeten worden war, beträfen vor allem seine Auffassung,
das Traumatische, er korrigierte sich, das Traumartige - zum
Taglicht hinzuführen. Aus dem Traum heraus und wieder
in eine Art Traum hinein?
Wie verhält sich nun die Traumarbeit zur Arbeit am literarischen
Text? Aufschlüsse darüber sollten die Podiumsgespräche
des Symposions ergeben, die Seminare, Dichterlesungen, bzw.
Aussagen der Schriftsteller zu den eigenen Texten. Hier einige
Auszüge und Eindrücke.
Der Psychoanalytiker Andreas Hamburger stellte in seinem
Referat "Der Traum als Erzählung" drei Thesen
auf. 1. Das Gehirn erzählt Geschichten. Erkenntnisse
aus den Neurowissenschaften. 2. Träume inszenieren Geschichten.
Wirklichkeiten werden simuliert mit Erzähl- und Zeitstruktur,
Spannungsdramaturgie und Coda, Wunsch und Intention, wobei
aktuelle Wahrnehmungen, Gedächtnisreste und Affekte eine
Rolle spielen. Es handelt sich um affektive Bewertungsszenen
hervorgerufen vorwiegend durch traumatische Erlebnisse und
Erfahrungen des Scheiterns. Unerledigte Erinnerungen werden
in eine neue Inszenierung überführt. Die Wünsche
des Träumers als Erzähler zeigen sich vor allem
in der Zeit- und Spannungscharakteristik der Träume,
wobei das Entscheidende die Melodie des Spannungsablaufes
ist und nicht so sehr der Trauminhalt. 3. Geschichtenerzählen
als ein geselliges Tun. Es dient der Identitätsstiftung
gemäß einer "lean production", nach der
immer gerade soviel geträumt, bzw. erzählt werde,
wie gebraucht wird in Form von kleinen Narrationen. Jean Pauls
"Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab dass
kein Gott sei", Büchners "Lenz", Becketts
"Warten auf Godot" stehen in diesem Zusammenhang
als Beispiele für Einsamkeitserfahrungen und Kleists
"Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken
beim Reden" für den Kommunikationsaspekt. Das Resümee:
Literatur und Traum sind immer auf Geschichten bezogen. Sie
bilden dabei eine Oppositionsgemeinschaft.
Die anschließende Diskussion bewegte sich zwischen
den Positionen von Goya:" Der Schlaf der Geburt gebiert
Monster" und von Freud:" Träume dienen dazu
den Schlaf zu schützen." Aus psychoanalytischer
Sicht ist der therapeutische Nutzen der Traumdeutung zu betonen,
durch die ein größeres Spektrum von Affekten verfügbar
wird. Auf jeden Fall aber existiere noch eine zweite Opposition,
dergestalt, dass sich Literatur und Traum ereignen vor dem
Hintergrund einer unbeschriebenen, unbeschreibbaren und traumlosen
Welt, die als höher zu bewerten sei.
Während der Lesung von Sarah Kirsch "Kommt der
Schnee im Sturm geflogen" und Christoph Wilhelm Aigner
"Moorheide" kam die Vermutung auf, dass Texte an
der Grenze zwischen so genannter Traumwelt und so genannter
Realität nicht willkürlich entstehen. In Abgrenzung
dazu haftet der Psychoanalyse ein beliebiges Vorgehen an.
Es bleibt die Frage, ob der Träumer wirklich etwas will
mit seinen Träumen. Aber auch das Verhältnis von
Sprache und Lüge ist zu bedenken und dahingehend zu gewichten,
dass guter Dichtung zumindest auf einer Ebene möglichst
wenig Lüge anhaften sollte.
Aus evolutionsgeschichtlicher Sicht ist zudem zu fragen, ob
die Bewusstwerdung einem Wiedererkennen entspricht und zwar
gemäß Formen früherer Erfahrungen, die ihren
bildhaften Urgrund und sprachlichen Ursprung möglicherweise
wiederum aus Träumen bezögen.
Dass Sprache ihren Ursprung aus Träumen gewinnen kann,
führte Durs Grünbein mit seiner Erzählung "Stummfilmtraum"
vor. Diese Geschichte basiert auf Bildern aus wiederholt sich
ereignetem Träumen als Reaktion auf die als traumatisch
erlebte Erfahrung um die politischen Ereignisse von 1989.
Auf die Frage, ob das Schreiben die alptraumhafte Wiederholung
der Träume beendet habe, entgegnete der Autor, erst als
die Träume aufgehört hätten, hätte er
die Geschichte aufgeschrieben. Das war eine deutliche Abgrenzung
zu einer reduktionistischen Auffassung von Literatur als Therapie
und ein Votum für ein Erzählen, das durchaus u.a.
auch auf Traumbildern beruhen kann. Wie nun aber die Bilder
aus der nonverbalen Bilderwelt zum Sprechen kommen, blieb
weiterhin unklar.
Der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Reinhard Baumgart
legte in seinem Vortrag "Kafka träumt" wert
auf die Differenzierung zwischen literarischem Traumtext und
Traumprotokoll. Letzteres - wie sich beispielhaft aus Kafkas
Tagebüchern herausgreifen ließ - besteht aus Traumresten
und -fragmenten in Form von Alpträumen ( Druck auf der
Brust ), Gestiken des Glücks ( der Träumer als Zuschauer
) und Suchträumen. Es wird der Funktion zugeordnet, dem
Selbstverständnis des Träumers zu dienen. Dagegen
seien die literarischen Texte situative und adressierte Texte.
Dass sich diese beiden Positionen aber nicht genau abgrenzen
lassen, wurde an den Aussagen des Dichters selbst deutlich.
Kafka als Protagonist, Leser und Autor seiner Träume
sieht in diesen einen Suchprozess nach dem "Sinn für
die Darstellung meines traumhaften Lebens" und den Vorgang
selbst als eine "vollständige Öffnung des Leibes
und der Seele."
Aber auch Kafkas Tagebucheintragung "Zum letzten mal
Psychologie" verdeutlicht, dass Literatur im 20.Jh. sich
von Erkenntnissen aus der Psychologie, bzw. Psychoanalyse
einerseits nicht mehr trennen lässt. Andererseits bleibt
festzuhalten, dass Taumprotokolle als eine Art Vorstudie,
als Skizzenbuch gesehen werden können. Dass im Prozess
des Aufschreibens schon ein mehr oder weniger "Gemachtes",
Gestaltetes erscheint, steht ja nicht im Widerspruch zu der
Intention wie z.B. von Kafka angenommen, den Traumbildern
weitgehendst zunächst "unbearbeitet" Raum zu
geben.
Dass die Grenzen von Nonverbal und Verbal, von Traum und Sprache,
von Innen und Außen erkenntnistheoretisch nicht zu fassen,
sondern eher fließend sind, lässt sich bildhaft
auf den Punkt bringen anhand der berühmten Allegorie
des chinesischen Philosophen Chuang-tzu von der illusorischen
und traumhaften Eigenschaft der Welt.
"Es war einmal, dass Chuang-tzu träumte, er sei
ein Schmetterling, der umher flog und seine Freude hatte.
Ich wusste nicht, dass es Chuang-tzu war. Wir wissen nicht,
ob nun Chuang-tzu träumte, er sei ein Schmetterling,
oder ob es ein Schmetterling war, der träumte, er sei
Chuang-tzu."(Chuang-tzu II, übers. Fung Yu-lan).
Der Traum literarisiert - wobei der Träumer auch für
sich selbst Adressat ist - und gleichzeitig wirkt er sinnstiftend.
Die Bewegungen von Subjekt und Objekt oszillieren. Gleichsam
wie eine Membran in einem intermedialen Bereich schiebt sich
etwas dazwischen wie dies auch für den Raum zwischen
den latenten und manifesten Trauminhalten angenommen werden
kann. Dazu kommt, dass die Bilder und Assoziationen des Träumers
aus existentialistischen Befunden generieren wie auch aus
Reaktionen auf den zeitgeschichtlichen Kontext.
Aus klinischer Sicht rückte die Psychoanalytikerin Marianne
Leuzinger-Bohleber nochmals die Affektseite des Traumas über
eine nicht heilende Wunde in den Mittelpunkt. Das Trauma sei
zuerst im Körper enthalten, werde im Affektleben ausgetragen,
möglicherweise im Spaltungserleben oder Derealisationsstörungen.
In ihrem Referat "Der Traum der schönen Frau Seidenmann.
Psychoanalyse von Traum und Literatur." versuchte sie
anhand des Romans von Andrzej Szczypiorski zu erläutern,
was der Literatur passiert, wenn sie u.a. den Traum zum Thema
hat.
In Seminaren beschäftigten sich die Teilnehmer anschließend
mit assoziativen Einfällen zu einem in der Traumwerkstatt
"behandelten" Traum. Laut gruppentherapeutischer
Erfahrung sollten sich spiegelbildlich ähnliche Erfahrungen
wie die im Traum gemachten wiederholen. Die Teilnehmer zeigten
sich jedoch zum großen Teil "widerständig"
und ließen sich nicht gruppentherapeutisch einspannen,
so wenig wie Durs Grünbein "aus Angst vor Banalisierung"
sich weder zum Objekt dichterischer Weisheit noch zum psychologischen
Fall reduzieren ließ. Vielmehr versuche er mit seinem
Schreiben, das Subjektive so objektivierbar zu machen, dass
man es von außen anschauen könne. In der Literatur
gäbe es verschiedene Abwehrmodelle gegen die Psychoanalyse
von Seiten der Dichter, z.B. das psychoanalytische Pathos
von Thomas Mann oder die Faszination wie gleichzeitig die
Ironie von Nabokov. Schaut er selbst Texte an, so versucht
Durs Grünbein aus dem Frustrationskreis herauszukommen
und nicht sich zum wiederholten Male bei den Klischees vorgefertigter
Alltagserlebnisse der Massenkultur, auch der Massenpsychokultur
aufzuhalten. Vielmehr frage er sich, was ist hier originell,
was scheint ideosynkratisch zu sein. Darum ginge es, nämlich
den Eigensinn heraus zu arbeiten, letztlich das Geheimnis
zu konturieren.
Elisabeth Bronfen, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin,
vertrat die These in dem Vortrag "Freuds 'Traumdeutung'
als literarische Inszenierung", dass der Roman des Bürgertums
des 20. Jahrhunderts die Psychoanalyse geworden sei. Während
noch im 19.Jh. z.B. Jean Paul der Literatur die Funktion eines
Traumgebers zuspräche, nämlich Träume zu erzeugen,
sei seit Freud den Erzählern des psychologisch-realistischen
Romans die Psychoanalyse zum Konkurrenzunternehmen herangewachsen.
Glück wie auch Zufall, bzw. Gewalt von Begegnungen können
Verstörungen und Traumata hervorrufen, die einer Schutzdichtung
( ein Begriff Freuds aus seinen frühen Schriften ) bedürfen.
Um eine als narzisstisch erlebte Wunde in den Griff zu bekommen,
werden in Reparationsversuchen Träume inszeniert, die
gleichzeitig verschleiern und aufdecken. Seit Freud habe der
Traum seine Unschuld verloren. Dichter und z.B. Hysteriker
leben aus einer ähnlichen Dynamik, nämlich das traumatische
Wissen um eine Leerstelle, um die das Ich kreise, in eine
Botschaft umzuformulieren, in ein unhappy happy ending.
Gerechtfertigt sei es andererseits, wenn der Dichter sich
nicht in die hysterische Ecke drängen lasse, damit anhand
seines so genannten Widerstandes neue wissenschaftliche Definitionen
ausprobiert werden oder alte sich bestätigen lassen.
Vielmehr gäbe es zwei Haltungen angesichts des Geheimnisses
des Selbst oder der Leerstelle des Ichs: 1. Wie schrecklich
und 2. ich bin erleichtert, ich brauche nach keiner Lösung
zu suchen, es gibt keine.
In der Spaltung des Ichs zwischen dem Selbst und dem Selbstbildnis
kommen beide nie zur Deckung. Es geht immer nur um Simulation,
Inszenierung. Der aufklärerische Impetus zeigt sich,
indem der Mensch, sei er Dichter und/oder Hysteriker, Literat,
Wissenschaftler, Psychoanalytiker, Träumer auf etwas
reagiert. In dem Paradox des Wechselspiels: ich glaube an
das Glück und gleichzeitig ist da ein Unbehagen, dass
es dieses nicht gibt, ist Dichten und Träumen anzusiedeln
gleichermaßen wie wissenschaftliches und therapeutisches
Arbeiten.
Das letzte Wort haben die Dichter.
Für Christoph Wilhelm Aigner ist Dichten wie Träumen
eine Seinsweise. Jedes seiner Gedichte interessiere ihn auf
eine andere Weise, es wird geboren, wächst auf und geht
seinen Weg. Es ist ein Wesen, das auch träumt, es ist
paradox, will sich zeigen und nicht gesehen werden.
Für Sarah Kirsch ereignen sich Gedichte wie Träume.
Für Durs Grünbein enthält die Sprache in sich
Traumelemente, sie sei magisch, man käme immer wieder
auf bestimmte Worte zurück. Er äußerte seine
Neugier für das Zwischen-den-Fronten stehen. Er beobachte,
wie er regelmäßig beide Fraktionen, die Parallelwelten
Traum und Dichtung verrate. Bemerkenswert auch seine Aussage,
dass er in traumlosen Phasen durchaus viel schreibe, dass
aber die Zeiten, in denen er viel träume, ihn für
seinen Schreibprozess beunruhigen.
Literarische Texte - das war der allgemeine Konsensus - sollten
den Autoren bloß nicht im Traum einfallen, um dann doch
wieder ihnen zu wünschen, möglichst ausgiebig und
viel aus den Traumnächten in die Taghelle der Dichtung
zu überführen.
Rosemarie Zens
Traum. Communication, ZS für den Austausch für Traumerfahrung,
Frankfurt (1998)
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