Déjà-vu der besonderen Art

Nach Friedrich Schiller („Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“) ist Rosemarie Zens in ihren Gedichten „ganz Mensch“.

Spielerisch aneinander gesetzte Zeilen, die aus wenigen, meist zwei oder drei Worten bestehen, beherrschen die Szenerie: „Auf dem Lügenteppich/ Narrengold/ Lieben als wenn Unerhörtes/ Uns begegnen könnte“. Melodiösität und eine gewisse Sprödigkeit haften den Gedichten an, in denen sich Bild an Bild reiht und bei aller archetypischen Naturverbundenheit, die sich in „frischen Kiefernzapfen“ oder „faserigen Zirruswolken“ zeigt, auch geologische und physikalische Fachbegriffe auftauchen: „Surfende Elektronen/ Die auf Plasmawellen reiten/ Alumiumfolien krümmen/ Mit Teilchenkanonen/ Die Protonen zu beschleunigen/ …“

Liest man die Gedichte, hat man Déjá-vu-Erlebnisse der besonderen Art. Man erinnert sich, so etwas schon einmal gelesen zu haben, die ein oder andere Zeile, erst vor kurzem sogar, noch gar nicht lange her … Man blättert zurück und ist irritiert: Ja, natürlich, die fünfte Zeile „ein schmutziger Schneeball“ im Gedicht „Endlosschleife“ kam bereits drei Gedichte weiter vorn in dem Gedicht „Bugwelle“ vor, und auch die elfte Zeile „Eichelhäer spähen herüber“ gab es schon einmal: im Gedicht „Chinarinde“. Ein Blättern setzt ein, ein Vergleichen und endlich die Erkenntnis, dass das Gedicht „Endlosschleife“ ein besonderes ist, eines, dass sich aus bestimmten Zeilen der vier davor stehenden Gedichte zusammensetzt.

Ergibt die Neukombination einen Sinn? Was passiert, wenn eine Zeile in einen anderen Kontext gestellt wird? Zens‘ Gedichte wirken wie der (reife) Versuch, nicht mehr Worte zu Gedichten zu verbauen, sondern größere semantische Einheiten aus mehreren Worten. Letztere sind die „Bausteine“, die ein Wiedererkennen ermöglichen. Der Schneeball war ein Mal schmutzig. Er ist auch ein zweites Mal schmutzig. Die Eichelhäer spähen ein Mal herüber. Sie spähen wieder herüber. Es ist, als würde sich der Titel „Endlosschleife“ programmatisch auch auf die Machart der Gedichte beziehen. Die formale Eigenheit, dass jeweils das fünfte Gedicht aus Zeilen aus den vier davor stehenden besteht – mit neu gemischten Karten, zieht sich durch den gesamten ersten Abschnitt „Biegsam und unbeugsam“, und der Wiedererkennungseffekt lässt uns auf Entdeckungsreise gehen. Erinnerungen tauchen auf, in einer anderen Landschaft, einer anderen Gegenwart. Aber es sind immer noch die gleichen, ganz konkreten Erinnerungen.
Zens Gedichtzyklus ist ein feines, keineswegs willkürliches Experiment. Es sind zunächst die formalen Kriterien, die ins Auge fallen, wie das Spiel mit acht neuverknüpften Zeilen im zweiten Abschnitt oder das W, mit dem alle Titel des dritten Abschnitts „Was anderswo geschrieben steht“ beginnen. Doch sogleich blitzt hinter dem Spiel der Ernst auf, das „Ganz-Mensch-Sein“, wenn sich die fragmentierte, gebrochene Welt in sinnlicher Wahrnehmung und in neuen (auch musikalischen) Sprachschöpfungen offenbart.

Ein größeres Kompliment als das, an keinen anderen zu erinnern, kann man wohl kaum einem Menschen machen. Auch ein Gedicht von Zens erinnert an keins einer anderen Autorin oder eines anderen Autors. Eindringlich dafür kann ein Gedicht von Zens an ein Gedicht von Zens erinnern. Bis auf den Wortlaut gleiche Zeilen, die doch anders wirken, da ihre Umgebung eine andere ist, gehorchen dem „Gesetz der Währung“, dass wohl auch darin besteht, dass der Wandel das einzig Währende ist.

So wie man heute über die Zyklen in Ingeborg Bachmanns Lyrik promoviert, wird man es in ein paar Jahren vielleicht über die Zyklen in Rosemarie Zens‘ Lyrik. Es bleibt zu wünschen.

Vom Gesetz der Währung. Lyrikwelt.de 12/2010 Gedichte Rezensionen-Welt