Es ist ja eine andere Natur, welche zur Kamera als welche zum Auge spricht; anders vor allem so, dass an die Stelle eines vom Menschen mit Bewusstsein durchwirkten Raums ein unbewusstdurchwirkter tritt. Ist es schon üblich, dass einer, beispielsweise vom Gang der Leute, sei es auch nur im Groben, sich Rechenschaft gibt, so weiß er bestimmt nichts mehr von ihrer Haltung im Sekundenbruchteil des „Ausschreitens.“ Die Fotografie mit ihren Hilfsmitteln: Zeitlupen, Vergrößerungen erschließt sich ihm. Von diesem Optisch – Unbewussten erfährt er erst durch sie, wie von dem Triebhaft – Unbewussten durch die Psychoanalyse.

Walter Benjamin, Kleine Geschichte der Photographie (1931) in derselbe:
Gesammelte Schriften Band II, Frankfurt am Main, 1977, S. 378

 

Es ist die Technik, die dem Foto seinen originellen Charakter verleiht…Sie wird Ort eines doppelten Spiels, als Vergrößerungsspiegel der Illusion und der Formen. Es besteht eine Komplizenschaft zwischen der technischen Apparatur und der Welt, eine Konvergenz von objektiver Technik und inhärenter Kraft des Objekts. Und das Foto wäre die Kunst, sich in diese Komplizenschaft einzuschleichen, nicht um den Prozess zu beherrschen, sondern um mit ihm zu spielen und die Vorstellung zu vermitteln, dass die Würfel noch nicht gefallen sind.

Jean Baudrillard, In: Denn die Illusion steht nicht im Widerspruch zu Realität (1998)
In: Texte zur Fotografie, Stuttgart, 2010, S. 57