It just happens to be in China – Memories of the Future

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The English translation will come soon.

 

Im Jahr 1998 reiste ich zum ersten Mal nach China, von Peking aus entlang des Gelben Flusses bis nach Kashgar in den Nordwesten des Landes. Es folgten drei weitere Aufenthalte, der letzte 2018. In diesem Spannungsfeld von zwanzig Jahren entstanden meine Bilder – zunächst analog, dann digital fotografiert.
Die Ansichten von Landschaftspanoramen in dem überwiegend agrarischen Vielvölkerstaat und die Alltagsszenen in Stadt und Land erinnerten mich bei den ersten Reisen an vormoderne Zeiten unserer westlichen Lebensweise, die ich von historischen Abbildungen und Schilderungen her zu kennen glaube und in denen sozialpolitische und ökonomische Entwicklungen, begleitet von Krieg, politischer Gewalt und Ausbeutung, von Bevölkerungswachstum und Abnahme von Armut, über Jahrhunderte lang gemessen an einer Lebenszeit langsam voranschritten.

Während der folgenden Aufenthalte kam mir der Gedanke, dass – was der beschleunigten und sich expandierenden Welt ausgeliefert ist, sich doch irgendwie in Lebenszeitdimension fassen lassen müsste, wenn es nicht jede Bedeutsamkeit für das individuelle Leben verlieren soll. Die anhaltende Auslöschung von Erfahrungen und ihren Räumen, nahm ich eher als ein plötzliches Geschehen wahr, als dass dies in meinem unmittelbaren Umfeld der Fall ist. Ein merkwürdiger Zustand, als ob die Zeit mehr in mir lebt als ich in ihr. Welt- und Lebenszeit kreuzten sich auf ungewöhnliche Weise. Daher das Staunen und die Verwunderung. Und die Annahme, dass das Lebensgefühl der Menschen mit einer noch viel älteren, weiter zurückliegenden Kultur und ihr Erfahrungshorizont mit den heutigen Verhältnissen ein zutiefst anderer sein muss.

Das gleichzeitige Nebeneinander von scheinbar Unzeitgemäßem und dem Jetzt einer bloß verlängerter Gegenwart wirkte derart befremdlich und beunruhigend, dass ich begann zumindest ausschnitthaft den Umbau einer Gesellschaft von immer Mehr, Größer und Schneller festzuhalten: die neuen Massenbauten, Reste alter Wohnviertel, Veränderungen der Infrastruktur, die Lebensumstände von Binnenmigration, Entwurzelung und Digitalisierung des Alltags. Bild für Bild nahm dieses Disparate und doch Zusammengehörende durch bewusste Setzung der Aufnahmen einen eigenen Raum ein. Es sind Projektionen aus Vergangenem und Gegenwärtigen. Vielleicht auch eines Zukünftigen, in dem Autonomie und Privatheit nicht als reine Illusion aufgefasst werden, in dem vielmehr so etwas wie Ordnung und Abstand in den Mittelpunkt rückt.

 

© Rosemarie Zens