| Rosemarie
Zens, Lautlos. Regenatem, Berlin 2002
Rezension von Grit Kalies, Online Magazin
www.leipzig-almanach.de 8.4.2002
Rosemarie Zens: Gedichte
Friedemann Graef: Kompositionen
Wilfried Bohne: Holzschnitte
Lies mich so, aber lies mich auch anders
In dem kleinen Berliner APHAIA VERLAG werden noch Gedichte
verlegt. Das hochwertige Papier des schmalen, 55-seitigen
Bandes bildet nicht nur die Unterlage für Buchstaben,
sondern auch für Holzschnitte und Noten. Diese Vielfalt
ist ein Markenzeichen des (schon wegen seiner Ferne zum kommerziell
orientierten Buchmarkt) unkonventionell arbeitenden Verlages.
Künstler verschiedener Schaffensgebiete werden angeregt
zusammenzuarbeiten. Auf der Grundlage eines literarischen
Manuskriptes entstehen Bilder und Kompositionen, die dann,
vereint zwischen zwei Buchdeckeln, ein quasi synästhetisches
Erlebnis vermitteln. So vermischen sich in dem Buch "Lautlos.
Regenatem" das Direktvisuelle der zwei Holzschnitte von
Wilfried Bohne und das Indirektvisuelle der Bildgedichte von
Rosemarie Zens mit dem Klanglichen der Kompositionen von Friedemann
Graef. Eine Idee, die gleichzeitig den Vorteil hat, dass der
Leser der Gedichte bereits Rezeptionsangebote durch die musikalischen
bzw. bildnerischen Interpretationen erhält (wobei diese
als eigenständige Kunstwerke natürlich selbst wieder
der Interpretation bedürfen). Bereits bei der Lektüre
erfährt er etwas über die Wirkung des Gedichtes
auf andere, kann vergleichen und tritt in einen imaginären
Erfahrungsaustausch.
"Dumpf in der Ferne/ Lautlos draußen/ Fällt
der Abend/ Ein. Wüstenweg/ Weit aus den Ufern/ Tritt
noch einmal/ Sekundenschnell/ Der Tagesfilm." An die
Gedichte von Rosemarie Zens (Jahrgang 1944) sollte man sich
langsam heranschleichen. Sanft melancholisch vor allem die
Zeit reflektierend (Splitter wehren/ Sich im Schwindel/ Wissen
erst später/ Dass es Glück/ Gewesen war), offenbaren
sie ihre Schönheit schrittweise und gewinnen beim Mehrfachlesen.
Vor allem deshalb, weil sie der Wortgruppe und dem einzelnen
Wort vertrauen. An den oft sehr kurzen, auf den ersten Blick
spartanischen Gebilden fällt ein Kunstgriff immer wieder
ins Auge: ein Wort oder eine Wortgruppe wird zwischen zwei
Sätze gestellt, zu denen es oder sie dann gleichzeitig
gehört. Das Verfahren der Worteinsparung, das man auch
Apokoinu nennt (gr. apo von und koinos gemeinsam), ermöglicht
es, wenige Worte zu machen und doch viel, auch Widersprüchliches
zu sagen. Darin liegt der besondere Reiz der fein gearbeiteten
Lyrik.
Zwei Beispiele dafür. Die Wortgruppe "So deutlich
sind in "Wetterleuchten": "... Lass uns sprechen/
Damit wir uns nicht/ So deutlich sind Abgesang/ Und kein Triumph"
gehört sowohl zum Satz "Damit wir uns nicht so deutlich
sind" als auch zu "So deutlich sind Abgesang..."
In "Sandstaub": "Schneller als wir denken/
Sinkt der Sandstaub durch uns/ Hindurch eilen die Bilder/
Sind nur Legenden ..." gehört "durch uns hindurch"
zu "Sinkt der Sandstaub durch uns hindurch." und
zu "Durch uns hindurch eilen die Bilder.", wobei
"die Bilder" wiederum auch in den Satz "Die
Bilder sind nur Legenden" passen. Dieses wirkungsvoll
eingesetzte und bestimmende Stilelement adelt die kleinsten
semantischen Einheiten bis hin zum Einzelwort. Das Wort scheint
zu rufen: lies mich so, aber lies mich auch anders.
|