Nach sechzig Jahren. Die Gedanken eines Jahres von Ernst Meister heute


Oft der Gedanke: Wenn nun die Hoffnungen aller je lebenden Frommen – Milliarden sind’s – sich als eitel erwiesen, buchstäblich eitel? Wenn die Lehren aller Kirchen, aller Religionen, die von einem Jenseits reden, nach Ewigkeiten sich als Trug herausstellten … das wäre ein fürchterlicher, ein schauriger Witz. – Was aber meinte ich, wenn ich derlei buchstäblich der Eitelkeit verdächtigte? Dies meine ich: Dass das arme Tier, das wir in Wirklichkeit sind, in seinem grandiosen die Welt tragenden Kerne gegenüber allen schönen Aussichten resigniert ist. Ein Nie-zu-Entdeckendes wird in unserem Gefäße behaust sein, das unvergleichlich demütiger ist als zum Beispiel christliche Demut. Dieses Etwas in uns weiß um den ewigen Abschied. Es ist das Kamel, das der Last der Hoffnungslosigkeit gewachsen ist und sich mit der Tatsache des ewigen Todes unseres Bewusstseins abgefunden hat. Freilich ist alles um diesen Kern, dieses Organ herum Angst, und diese Angst ist ausgewalzt in die Billionen Zeilen der menschlichen Testamente, die nicht allein des Menschen Sehnsucht nach Nichtvernichtbarkeit erkennen lassen, sondern auch der Erhaltung des alten Ich und der bewussten Existenz.

In: Prosa 1931 — 1979 Heidelberg 1989, S.139 -260, S.166(134)

 

Diese Betrachtung von insgesamt fünfhundertsiebzig Aphorismen (01) schrieb Ernst Meister 1948 im Alter von siebenunddreißig Jahren in Form eines Art Tagebuchs. Fast ein halbes Jahrhundert zuvor arbeitete ein anderer Dichter, Rainer Maria Rilke im Alter von fünfunddreißig Jahren an “Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge”, die 1910 – ein Jahr vor dem Geburtsjahr von Ernst Meister – veröffentlicht wurden. Ähnlich wie Meisters “erzählerische Miniaturen” (02) entstand dieses literarische Werk nach einer persönlichen Krise, in der sich die existentielle Grundstimmung des 20. Jahrhunderts widerspiegelt: die Daseinsangst. In “Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge” – charakterisiert durch viele Abschnitte in Form von Prosagedichten mit gleichzeitiger Präsenz von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, heißt es: “Ich habe etwas getan gegen die Furcht. Ich habe die ganze Nacht gesessen und geschrieben…” und “…die Angst, dass irgendeine Zahl in meinem Gehirn zu wachsen beginnt, bis sie nicht mehr Raum hat in mir; …die Angst, dass ich mich verraten könnte und alles das sagen, wovor ich mich fürchte, und die Angst, dass ich nichts sagen könnte, weil alles unsagbar ist, und die anderen Ängste…die Ängste” (03). Ein Jahrhundert später wird an der Berliner Schaubühne in dem Theaterstück Die Stadt des jungen britischen Autors Martin Crimp gegen diffus angedeutete Ängste “angeredet”: “Die Hoffnung”, sagt schließlich einer der Protagonisten, ein Schriftsteller “Die Hoffnung, sie macht mich traurig.”
    Angesichts dieser beiden Positionen, die von Rilkes Roman- und die von Crimps Theaterfigur, offeriert Ernst Meister als Dichterphilosoph eine andere Perspektive. Nicht aus der Sicht einer einzelnen Roman- oder Theaterfigur, vielmehr allgemein spricht Meister: „ Freilich ist alles um diesen Kern, dieses Organ herum Angst, und diese Angst ist ausgewalzt in die Billionen Zeilen der menschlichen Testamente“, auch spricht er nicht von Trauer, sondern in Bezug auf die mögliche Desillusionierung der Hoffnung auf ein ewiges Leben: „das wäre ein fürchterlicher, ein schauriger Witz“.

    Meisters lebenslange Auseinandersetzung mit der christlichen Tradition und grundsätzlich mit der Stellung des Menschen in der Welt ist im Wesentlichen denkerisch-nüchtern vor allem geprägt vom Existentialismus der Nachkriegszeit. Es geht ihm vordergründig nicht um Glaubensfragen, vielmehr um die Aufhellung der prekären menschlichen Situation – auch wenn seine Bildmotive und Urbilder „buchstäblich“ aus dem Buch der Bücher stammen, so z.B. wie hier die „Testamente“  oder das „Kamel“, das im Neuen Testament (z. B. Markus 10,25) auf die Frage des Reichen nach dem ewigen Leben eher durch ein Nadelöhr passen soll als dieser das ewige Leben erlangen würde. In Meisters Formulierung wandelt es sich – auch in Anspielung auf Nietzsches Also sprach Zarathustra (04) – zum „armen Tier, das wir in Wirklichkeit sind“, „das der Last der Hoffnungslosigkeit gewachsen ist und sich mit der Tatsache des ewigen Todes … abgefunden hat“. Resignation im Sinne von Ergebenheit und Gefasstheit – ist für Meister die angemessene geistige Haltung „unvergleichlich demütiger… als zum Beispiel christliche Demut“.

    Die seit ein paar Jahren lebhaft geführte Diskussion um das christliche Erbe des Abendlandes (05) lässt Meister aktuell und visionär erscheinen. Denn während in den verschiedenen Publikationen zum einen unterschieden wird zwischen dem frommen und dem säkularen Atheisten und zum anderen der Schöpfergott wieder in den Mittelpunkt rückt, hält Meister fest: „Die nächste Religion wird wahrscheinlich nicht durch einen Stifter begründet werden: Sie erwächst an allen Enden wie der Frühling“ (06). Und in einem Brief an seinen Hochschullehrer und Freund Karl Löwith schreibt er 1949, dass die „heidnischen Kerne im Christentum an ihm das noch schätzbare sind“ (07).

    Folgen wir mit Ernst Meister bezüglich seiner Deutung der Hoffnung der „heidnisch“- griechischen Mythologie: Zeus hatte der Halbgöttin Pandora (gr. die Allbeschenkte) die Büchse, bzw. des Vorratskrugs (gr. pithos – der große irdene Krug) gereicht, welche durch ihren Mann, Epimetheus, dem Bruder des Prometheus geöffnet wurde. So kam Übel, Krankheit und Tod in die Welt (08) in einer Zeit, in der Menschen wie Götter noch unsterblich waren. Denn bevor auch „elpis“ – gr. die Hoffnung – aus dem Krug entweichen konnte, wurde er wieder geschlossen und die Welt ein trostloser Ort, bis Pandora ihn öffnete und so auch die Hoffnung in die Welt ließ. Im griechischem Denken war die Hoffnung gerichtet auf das innerweltliche Leben, auf die Phasen zwischen den glücklichen Augenblicksmomenten. In der christlichen Lehre richtet sich die Hoffnung auf die Erlösung vom diesseitigen Jammertal, auf ein besseres Jenseits, auf ein ewiges Leben nach der Auferstehung der Toten und dem Jüngsten Gericht. Meister spricht zwar von der Last der Hoffnungslosigkeit, aber auch von den Zweifeln an den Jenseitsvorstellungen der Kirchen- und Religionslehren. Was, fragt er – das Wort „Ewigkeit“ im weltlichen Sinne gebrauchend – wenn diese „nach Ewigkeiten sich als Trug herausstellten“? Das Wissen um den „ewigen Abschied“ – hier das christlich besetzte Wort negativ konnotiert – meint das endgültige Nichtigsein, den „ewigen Tod“, – „ das reinste und klarste aller Gesetze“ (09). Die Ewigkeit räumlich aufgefasst als ein Unendliches, als „ein Gefäß ohne Wand und Boden“, dennoch ungeteilt enthaltend „Leere und Fülle (09)“ und hinzuzufügen wäre: und alles, was dazwischen ist.

    Dem vom Ende her verängstigten Menschen dagegen muss die „Sehnsucht nach Nichtvernichtbarkeit“ vor allem der bewussten personalen Existenz übermächtig werden. Doch in seinen Schriften betont Meister gerade auch das polare und komplementäre Denken (11). Wenden wir dieses auf die drei göttlichen Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung an und denken ihr Gegenteil mit, so wären es: Glaube – Zweifel, Liebe – Hass, Hoffnung – Furcht. In Meisters Prosatext ist die Furcht bzw. die Angst eher ins Zentrum gerückt als Sinnesempfindung, während der wirkliche Kern, das Wovor der Angst zunächst als diffuse Angst vor der Angst im Raum stehen bleibt und dann erst konkret wird als Furcht vor dem Tod, vor dem Nichtigsein. Im Vorwort von Meisters „Prosa“ kennzeichnet Beda Allemann sein Werk im Gesamten: “Das Generalthema aber bleibt der Tod“(12); demzufolge müssten die Gegensatzpaare der drei Tugenden lauten: Glaube – Zweifel, Liebe – Hass, Leben und Tod, also Glaube, Liebe, Leben.

    Für Meister ist Leben = Atmen = Denken = Dichten. Das heißt auch ein „Nie-zu-Entdeckendes“ denkerisch als rätselhaftes Paradox anzunehmen, dass wir erkennen, dass wir nicht erkennen: letztlich unser Woher und Wohin, Anfang und Ende. Ein paar Jahre vor Meisters Betrachtungen schreibt Albert Schweitzer in ähnlicher Weise: „Wenn das Denken sich auf den Weg macht, muss es auf alles gefasst sein, auch darauf, dass es beim Nichterkennen anlangt. Aber selbst wenn es unserem Willen zum Wirken beschieden sein sollte, endlos und erfolglos mit der Nichterkenntnis des Sinnes der Welt und des Lebens ringen zu müssen, so ist diese schmerzliche Ernüchterung für ihn doch besser als das Verharren in Gedankenlosigkeit (13)“. Nur wenige zeitgenössische christliche Denker konnten sich zu einer solchen kompromisslosen Haltung durchringen, bei der auch die letzte Bastion dem Zweifel, der Vorläufigkeit und dem Scheitern ausgesetzt wird, um notwendig schlussfolgernd die Würde des Menschen in seiner geistigen Existenz hervorzuheben, ein bewusstes Leben zu führen.

    Seit dem Tod von Ernst Meister hat sich an der existentiellen Situation des Menschen nichts geändert, an der bedrückenden Erfahrung der Verlorenheit und absoluten Trostbedürftigkeit angesichts des ökonomisch-materiellen und physikalischen Weltbildes der Moderne. Die Bedeutung von Meisters Werk für die Gegenwart besteht daher darin, bei allem Schrecken und Schauer über die Abgründe des Nichts die Tiefendimension der Endlichkeit immer wieder neu ins Bewusstsein zu rücken und der anwachsenden neuen Religiosität in gedanklicher Klarheit zu antworten: mit der Neueinordnung des Menschen in das große Ganze ohne externe Autorität. Als freier Geist, der Nihilismus und Verzweiflung abwendend die Einsicht gewinnt, dass er nicht in den Bildern aufgeht, die er sich von sich selbst und der Welt macht, und demgemäß nicht aus einem Mangel heraus lebt, sondern aus Überfluss und Fülle.

    Dies erweist sich an Meisters dichterischem Werk, das neben Formen von nüchterner Einfachheit und Komplexität Raum für Reflexionen lässt über die zeitliche Dimension der Natur (14), die den Tod als Mysterium und Verwandlung kennt und unvollendet in endloser Folge gegen die Ewigkeit der Welt im Sinne von „sempiternitas“ (15) geprägt ist nicht vom Zeitlosen, sondern vom Immerwährenden. So gesehen gewährt der ewige Kreislauf der Natur wiederum Kontinuität und Geschichte.

Rosemarie Zens, in: Ernst Meister Jahrbuch 2005-2009, Aachen 2009, S. 101-106
                        basierend auf dem Vortrag gehalten bei der Ernst-Meister-Tagung
                       “Dass einer es läse”  Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf 15.6.2009

 

01 Ernst Meister, Prosa 1931–1979, Darmstadt 1989, Gedanken eines Jahres, S. 345

02 Beda Allemann, in: Ernst Meister, Prosa 1931 – 1979, Darmstadt 1989, Vorwort, S.15

03 Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Frankfurt 1982, S.19 u. S. 56

04 Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra I-IV, Berlin/N.Y., 1988, S. 29:

Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kamele wird, und zum Löwen das Kamel, und zum Kinde zuletzt der Löwe. Vieles Schwere gibt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem Ehrfurcht innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine Stärke. Was ist schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem Kamele gleich, und will gut beladen sein. Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, daß ich es auf mich nehme und meiner Stärke froh werde. Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmut wehe zu tun? Seine Torheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?

05 George Steiner, Grammatik der Schöpfung, München 2004
Burkhard Müller, Das Konzept Gott – warum wir es nicht brauchen, in: Merkur Heft 694, 02/2007
Christian Döring (Hg.), Gott lebt wieder. Gespräche zum Glauben im 21. Jh., München 2008
André Comte-Sponville, Woran glaubt ein Atheist? Spiritualität ohne Gott, Zürich 2008
Herbert Schnädelbach, Religion in der modernen Welt, Frankfurt 2009

06 Ernst Meister, Prosa 1931–1979, Darmstadt 1989, Gedanken eines Jahres, S.139-260, S.231(403)

07 Ernst Meister, 1911-1979 Leben und Werk in Texten, Bildern und Dokumenten, hg. v. Bernhard Albers (Abb.) u. Reinhard Kiefer (Texte), Aachen 1991, S. 35

08 vgl. Dora und Erwin Panowsky, Die Büchse der Pandora, Der Bedeutungswandel eines mythischen Symbols, Frankfurt 1992

09 Ernst Meister, Prosa, S. 152 (78)

10 Ernst Meister, Prosa, S. 142 (12)

11 ebd. Prosa, S. 170,(153), S. 231 (320), S. 257 (551)

12 Beda Allemann, ebd., S. 15, vgl. Reinhard Kiefer, Text ohne Wörter, Die negative Theologie im lyrischen Werk Ernst Meisters, Aachen 1992

13 Albert Schweitzer, Verfall und Wiederaufbau der Kultur, München 1941, S. 65

14 Ernst Meister, Wandloser Raum, Gedichte, Darmstadt 1979, u.a. S. 59, 62,29

 

     Schön ist
     die Erde in sich.
     Es gibt

     kein Gedächtnis
     außerhalb ihrer.
     Die Hoffnung

     findest du drüben
     als der Vorstellung
     Leichnam.

     Du sagst, es sei
     das Einzige, dieses
     Hier, und das,
     ist wahr, gewiß

     Doch nehmen sich
     wenige wirklich
     des Atems an.
     Die meisten suchen
     Das Denken nicht,
     und viele
     sind gefangen
     in Not.

     Wir leben
     von den Entfernungen.
     
     Der Tod
     kommt uns vor
     so weit wie der höchste
     Stern.

     Ein Geschäftiges der Natur
     setzt Maße in uns.

15 Karl Löwith, Kant, in: Sämtliche Schriften 9. Gott, Mensch und Welt in der Phil. d. NZ, G.B. Vico bis Paul Valéry, Stuttg. 1986, S.51-65, S. 58; Ernst Meister, Prosa, S.202 (280), S. 209 (315)