Poesie und Natur. Ein Gespräch

mit Rosemarie Zens geführt von Nicole Calian, PhD University of Washington
Juli 2010

Nicole Calian: Die Unmittelbarkeit, in der sich Bildmotive der Natur in der menschlichen Stimme ausdrücken, hast du in dem Essay „Das geeichte Alphabet“ (1) als „Die erste Natur der Dichtung” bezeichnet. Das ließe sich auch erweitern auf „Die erste Natur der Kunst.“ Welche Bildmotive meinst du? Nur sinnlich konkrete Motive wie Baum und Blume oder auch so abstrakte fraktale Strukturen wie etwa Mandelsbrots Apfelmännchen, die in der Natur ebenso vorkommen?

Rosemarie Zens: Die Metapher ”Apfelmännchen” trifft genau den Kern meines Erkenntnisinteresses, das sich so umschreiben ließe: als die mögliche Ausdrucksform des Schnittpunktes zwischen unserem Wahrnehmungsvermögen und unserer Einbildungskraft. Es geht darum, immer wieder neu eine ausgleichende Verbindung zu schaffen zwischen Wahrnehmung und Reflexion, die der ersten und zweiten Natur der Dichtung zugrunde liegen.

NC: Was ist für dich die zweite Natur der Dichtung? Und gibt es eine dritte? Wie viele Naturen hat die Dichtung?

RZ: Man könnte sagen: Es gibt so viele unterschiedliche Naturen der Dichtung, wie es unterschiedliche Temperamente, Horizonte, Haltungen und Gestimmtheiten von Dichtern gibt. Andererseits: Um einen gewissen Konsens zur Orientierung über Gesetzmäßigkeiten des menschlichen Zugangs zur Welt zu erkennen, ist es naheliegend, unser Sprachvermögen an sich ins Zentrum zu rücken. Lassen wir einmal die Diskussion um die dritte Kultur beiseite, so erscheint mir hier der Vergleich fruchtbar zwischen den beiden Kulturen Natur- und Geisteswissenschaften, konkret auch zwischen den Naturwissenschaften und der Poesie, um das jeweils andere deutlicher zu erfassen. Beide benutzen Metaphern, über die intensiv geforscht wird und Wichtiges gesagt worden ist. Mir geht es um den Kontext, um Raum und Zeit, in die die metaphorische Sprache eingebunden ist über unsere sinnliche Wahrnehmung, so dass sie sich durch ihre und in ihren Grenzen behaupten kann und sich zugleich neue Verständigungsmöglichkeiten eröffnen.

NC: Schriftsteller haben sich seit über hundert Jahren immer wieder mit den Einflussnahmen zwischen Naturwissenschaft und Poesie auseinandergesetzt. Hat die heutige Zeit neue Einsichten hinzugewonnen? Der Naturwissenschaftler beobachtet ja meist über das reproduzierbare Experiment, das so empfindlich und exakt wie möglich sein sollte. Der “geborene Dichter” dagegen, so denke ich, ist eher einer, der mit Einbildungskraft die Welt beherrschen will, reale Dinge nur überfliegt, nur wahrnimmt und trotzdem prophetisch in seinen Ahnungen ist. Mit welcher Art von Beobachtung lässt sich die Natur, auch die eigene besser erforschen? Gibt es ein ”besser” überhaupt?

RZ: Das Überfliegen der Dinge im Sinne von ”Überblick haben” über die Dinge, ja. Also Distanz herstellen. Aber deine Frage bleibt dahingehend anregend, wie der Dichter und mit welchen Mitteln der Naturwissenschaftler dies erreicht. Beide suchen neben der Distanz eben auch eine Nähe zu den Dingen als wahrnehmende Beteiligte und sind somit im beobachteten Objekt mit enthalten, so dass sie mit einer Art Unschärfe und doch auch ”Genauigkeit” arbeiten. Dazu kommt, dass der poetischen Sprache Kategorien aus der Musik: Klang, Rhythmus und Melodie eigen sind. Generell lässt sich aber auf beide Kulturen Wittgensteins Satz anwenden: Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt. Es gibt kein ”besser”, sondern eher grundsätzlich ein ”anders”, denn beide sind menschliche Zugangsweisen zur Welterfahrung. Allerdings gehen beide unterschiedlich mit der Kategorie ”Zeit” um, wie ich in „Das geeichte Alphabet“ ausgeführt habe. Problematisch bleibt es zudem, wenn sich die naturwissenschaftlichen Forschungen zunehmend von der sinnlichen Wahrnehmung entfernen und die menschlichen Lebensbedingungen gefährden.

NC: Wie wichtig ist dir die Natur? Im “Das geeichte Alphabet“ zitierst du den Mathematiker Poincaré, der von einer ”tieferliegenden Schönheit” spricht, ”die aus der harmonischen Ordnung der einzelnen Teile kommt und die die reine Intelligenz begreifen kann.”

RZ: Einer harmonischen Ordnung zu entsprechen, beruhigt die Seele, weil sie sich in einen größeren Zusammenhang gestellt sieht. Und letztlich zielt unser ganzes Streben darauf – mit all unseren Sinnen durch wahrnehmende Erkenntnis in Zeit, Tragik und Versöhnung.
Das lässt sich z.B. für die Poesie mit Schopenhauers Einsicht über die Dichter verdeutlichen, die zwar ”den heitern Morgen, den schönen Abend, die stille Mondnacht” und so weiter besingen, aber damit eigentlich die Verherrlichung des Menschen meinen, d.h. ”das reine Subjekt des Erkennens”, die Verherrlichung, ”welche durch jene Naturschönheiten hervorgerufen” wird. Eine Art ”Erhebung des Menschen über sich selbst” bewirkt durch Teilhabe, Sympathie und Mitgefühl mit den Dingen und der Welt. Insofern zielt Lyrik auf eine wahrhaftige Abbildung unseres Lebens. Auch in ihrer Gebrochenheit.

NC: In vielen Gedichten in deinem zuletzt im Rimbaud Verlag erschienenen Band ”Vom Gesetz der Währung” spürt man eine fast archetypische mythische Naturverbundenheit. Und auffällig viele geologische Fachbegriffe und überhaupt naturwissenschaftliche Metaphern gibt es, etwa in den Gedichten ”Goliaths Klage” oder ”Wahrerträumtes“.

RZ: Damit werden die Gedichte mit den alten Mythen in die heutige Zeit eingebunden. Ich denke, wir können gar nicht anders als die ”Arbeit am Mythos” fortzusetzen, indem wir durch neue Sprachschöpfungen nach Bewältigungsstrategien suchen, eigene Traditionen bestätigen und neues Wissen integrieren. Wichtig sind mir auf jeden Fall die uralten Überlieferungen über die Beziehung zu unserer Welt. Über das, was sich dem kollektiven Gedächtnis der Menschheit eingeschrieben hat. Denn hier – scheint mir – kommen wir den anthropologischen Gegebenheiten und kosmologischen Realitäten am nächsten.

NC: Ich erinnere mich an eine deiner Lesungen. Du hast den Mythos der vier Elemente angesprochen. Wieso nur vier, hast du gefragt, und wo ist das fünfte Element, das es in anderen Kulturen gibt. Als ich jetzt deine Gedichte in ”Vom Gesetz der Währung” gelesen habe, schien mir, dass du es mittlerweile gefunden hast. Ist das so?

RZ: Wir befinden uns unentwegt auf der Suche, wie wir im Selbstverhältnis mit dem Wesentlichen unserer menschlichen Natur umgehen, dem Schauder, dem Staunen, der Neugier und dem Sinn für Komplexität. Mir geht es um unser Naturverständnis, um das Mitgefühl mit allem Kreatürlichen und das Mitleiden an der Natur, die Ehrfurcht vor ihr und das Verhältnis zu unserem Planeten. Nicht nur wir sind fragil, auch die Erde, die ihren eigenen Gesetzen folgt.
Und was die Dichtung angeht: Sprachschöpfung zeigt sich als Liebe zur Schöpfung in Form des Trostes. In diesem Sinne spendet jede Art von produktiver Schöpfung auch Trost.

NC: Wollen wir die Poesie einfach zum fünften Element erklären?

RZ: Unbedingt.

 

Anm.
(1)
In: Signum, Blätter für Literatur und Kritik, Dresden (2010)