Tanzbilder – abstrakt und gegenständlich

Das Einzigartige an Tilly Börges’ Bildern, an deren Farbgebung und Formenvielfalt ist die Ausstrahlung einer echten Lebensfreude. Echt deshalb, weil im Ringen von Gleichgewicht zwischen Gewinn und Verlust der Prozess der Entstehung mitgestaltet wurde. Und da jedes Kunstwerk – wie Emile Zola sagt – ein Zipfel der Schöpfung aus der Sicht eines individuellen Temperaments darstellt, also ein Teil eines ursprünglichen Geschehens und zugleich ein Besonderes des Künstlers ist, ist es legitim die Malerin zunächst selbst vorzustellen.

In der abschließenden Ausstellung der Sommerakademie in Salzburg stellte Tilly Börges 1995 ihre Bilder aus. Eine enge Beziehung zwischen Werk und Person war sofort sichtbar: Hier der vitale Ausdruck von Gestaltung geschaffen dafür, Trennung und Trauer, Ankunft und Freude mithilfe von Kohle, Bleistift und Acryl auf Leinwand zu strukturieren, dort durch Rhythmus und Klanggebung die Form zu intensivieren.

Ihrem unverwechselbaren Ton folgend hat Tilly Börges in den Bildern der letzten Zeit ein produktives Spannungsverhältnis in die Welt des Tanzes und der Bewegung eingebaut, und zwar aus der Anschauung heraus. So ist sie z.B. den Tänzern gefolgt, hat zugeschaut, war fasziniert von dem Traum des Menschen, sich von seiner Körperschwere zu befreien, der raumzeitlichen Begrenztheit zu entfliehen, ganz allgemein, die Zeit selbst in Bewegung zu setzen.
Und zwar in unserer Zeit, in der vor allem das Konsumieren von Bildern ohne Referenz beklagt wird, das Simulieren von Realitäten ohne Repräsentanz. In einer zunehmend virtuell erscheinenden Welt, die leer und inhaltslos uns immer mehr zu verwirren scheint. Bei der Betrachtung von Tilly Börges’ Bildern nun könnten wir den Sachverhalt umdrehen und die Wirklichkeit nach ihrer Ähnlichkeit, die sie mit den Bildern hat, überprüfen. Es könnte ja dann sein, dass uns ihre Bilder zwangsläufig mehr beeindrucken als je das Original uns zu überzeugen fähig wäre. Wir sähen dann nicht, was wir sehen, vielmehr, was wir wünschen zu sehen und überließen uns dem Zauber des Spiels.

Beide – Kunst und Tanz – Bild und Betrachter – wie die Gestalten auf der Oberfläche der Leinwand – inszenieren ihr Verhältnis als wechselseitigen Prozess, bis sich die Figuren, Mann und Frau, das Fremde und das Eigene ununterscheidbar werden und doch durchgängig mit sich identisch bleiben.
Wie gelingt der Künstlerin die Darstellung dieser Dialektik?
Statt auf bloße Hommage, auf nur Zitat, Variation, Komposition, Selbstinszenierung, Performance, Improvisation zu bauen, scheint Tilly Börges einer inneren kreativen Unruhe zu folgen, die sie aus der bloßen Bewegung herausführt auf der Suche nach einer bestimmten Gesetzmäßigkeit der Formgebung. Und das bringt sie in ein Spannungsverhältnis von Abstraktion und Gegenständlichem. Auf der einen Seite bezeugen ihre Bilder eine Nähe zur Auffassung des Malers Piet Mondrian (1872-1944), dass Natur und Geist ihren reinen Ausdruck und ihre wahre Einheit nur im Abstrakten finden. Zum anderen aber stellt sie, so wie jedes Bild durch eine Begrenzung, mit oder ohne Rahmen definiert ist, ihre Bilder ganz konkret und pragmatisch in einen Themenkontext.

Insofern bestätigt und zugleich unterläuft Tilly Börges Mondrians Anspruch vom “reinen” Ausdruck in der Abstraktion. Gegenüber allen natur- und grenzwissenschaftlichen Erfahrungen ist sie einerseits aufgeschlossen, wie auch 1911 Wassily Kandinsky (1866-1944) in seiner Schrift “Das Geistige in der Kunst” die reine Form und die reine Farbe als Chiffren des puren Geistes interpretierte. – Die Ausstellung ” Das 20. Jh. – ein Jahrhundert Kunst in Deutschland” unter dem Motto ” Geist und Materie”, in Berlin, spielt auf dieses Motiv an.
Andererseits aber geht die Malerin über diese strenge Auffassung hinaus. Gleichsam in einem abstrakten Expressionismus in der Art, wie sie der inneren Bewegtheit und in deren Steigerung dem inneren Chaos in Form eines Bewusstwerdungsprozesses Raum schafft, und zwar innerhalb einer zumindest angedeuteten begrenzt figürlichen Welt.

Dies entspricht einer Haltung, die Nietzsches Zarathustra sagen lässt, “…man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können… Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird!… Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann… Ich zeige euch den ‚letzten’ Menschen. “Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?”
Bei der Betrachtung von Tilly Börges’ Bildern lassen sich diese Sätze um die Frage erweitern: Was ist Schönheit?

Eine Antwort können wir nur zu umschreiben suchen: es ist das, was uns anrührt, vielleicht in Erinnerung an eine Welt, aus der wir herzustammen glauben, die wir in unserer Bewusstheit verloren haben, um ein Leben lang auf der Suche zu sein in Ahnung und Anlehnung an unsere Ursprünge aus dem Schöpferischen. Das wäre in der Wiedererinnerung ein Bewusstwerden von Gesetzmäßigem, und zwar demjenigen unserer Herkunft aus dem wechselseitigen Bezug von Getrennt- und Einssein, von Chaos und Ordnung.
Dieses hätte wie in Tilly Börges’ Bildern, und ausgelöst durch sie, zu tun mit Bewegtheit, Vitalität, Austausch, Spannung, Rhythmus und Schwingung. Und mit arithmetischen Proportionen, die dem entsprechen, wie wir selber gebaut sind, wie unsere Körper arbeiten. In Tanz und Gebärde.

Diesem Streben nach Balance immer wieder folgen zu können in der sinnlichen Erfahrung wird dem Betrachter durch die Malerei Tilly Börges’ vermittelt. Und zwar darin, diejenige Schönheit in Wahrheit zu finden, die sich der individuelle Ausdruck als Entsprechung einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit schafft.
Dafür gebührt der Künstlerin Dank. Und worin als in ihm steckt mehr Lebensfreude?

Rosemarie Zens
Rede anlässlich der Ausstellungseröffnung der Ölbilder von Tilly Börges
zusammen mit der Aufführung des preisgekrönten Dokumentarfilms “Dance the Gender” von Gabriele Sophia Börges am 25.1.2000 in Hamburg