Über Dichtung

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Kunst und Dichtung lassen sich als Orte der Erinnerung wahrnehmen: Erinnerung an unsere Urängste und -sehnsüchte. Denn die aus diesem Stoff geschaffenen Mythen, Bilder und Klänge schaffen einen Widerhall zur fortlaufenden Klärung.

Dies geschieht, wenn die Künste sich den Wurzeln aus dem Vergangenen vergewissernd uns zeigen, wie der dunkle Raum, das Unbekannte auszufüllen sei, damit sich Ohr und Blick nach innen öffnen. Als eine Art gemeinsames Gedächtnis der Menschheit, indem die voneinander getrennte innere und äußere Welt wieder eins wird und im Empfinden identitätsstiftend wirkt. Denn der Mythos denkt die Dinge von ihrem Ursprung her und versucht immer wieder neu die Ordnung der Welt im Ganzen herzustellen.

Wenn Freud die Trieblehre als unsere Mythologie bezeichnet «Die Triebe sind mythische Wesen. Großartig in ihrer Unbestimmtheit» lässt sich diese Unbestimmtheit in der Weise fassen, dass wir entsprechend dem ‚genetischen Code’, den wir in der belebten Natur sehen, im Mythos den poetischen Code des menschlichen Geistes erkennen.

©Rosemarie Zens in: Hidden Patterns, Berlin 2011, überarbeitet 2020