Die wechselseitige Erhellung von Literatur- und Medizingeschichte wird dargelegt in den Ausführungen über die Literarisierung der Arzt- und Krankengeschichten. Angelehnt an Michael Bachtins Dialogik wird eine dem Erzähler Raabe eigentümliche Art des Sich- hineinversetzens in andere Personen vorgeführt und mit dem verglichen, was man in der heutigen Psychiatrie als Empathie bezeichnet. Es wird gezeigt, wie eine sich verstärkende Verinnerlichung der Seh- und Erzählweise und wie zugleich der Distanz schaffende Polyperspektivismus den Beginn der literarischen Moderne markiert. Der Autor Wilhelm Raabe steht mit seinem Spätwerk am Ende und Beginn von Entwicklungen, in denen die sich widersprechenden  Menschheitsbilder in immer größeren Spannungsfeldern existieren. In Kontrast zu den Ausgrenzungen psychopathologischer Sujets im „programmatischen“ Realismus und andererseits in der Distanz zur Wissenschaftsgläubigkeit im Umkreis des Naturalismus weist Raabe mit der „spätrealistischen“ Literarisierung medizinischer Themen auf die Moderne voraus.

(Verlagstext)